Fluid | Wasserzeichen

Fluid | Eisenzaun, Stoff, C-Print | 2017

Wasserzeichen | neun Bodenplatten aus Terrazzo, Messingintarsien | 2017

Sichlings Installation besteht aus zwei Werken. „Wasserzeichen" (2017) besteht aus neun Bodenplatten aus Terrazzo. In die Platten sind Intarsien in Messing eingegossen. Diese stellen die Nationalblumen der TĂŒrkei (Tulpe), Vietnams (Lotus), Koreas (Hibiskus) und Tunesiens (Jasmin) dar. FĂŒr die Arbeit "Fluid" (2017) hat Sichling ein GelĂ€nderelement an der Wand montiert, durch das eine Stoffbahn mit Terrazzoprint hindurchfließt.

In der westdeutschen Nachkriegsmoderne war der alte Baustoff Terrazzo das unzerstörbare Material der Wahl fĂŒr den Wohnungsbau mit seinen Hausordnungen, die FirmengebĂ€ude des Wirtschaftswunders, die Gerichte und Schulen der Reeducation und die öffentlichen GebĂ€ude des Wiederaufbaus. Er erscheint dabei trotz seiner reprĂ€sentativen Eleganz und formalen Strenge als natĂŒrliches Gestein.

Sichlings Arbeit thematisiert das SelbstverstĂ€ndnis eines Landes, das sich in den Terrazzofluren dieser Zeit entwickelte. WĂ€hrend Terrazzo NatĂŒrlichkeit suggeriert, aber handwerklich hergestellt wird, ist auch die nachkriegsdeutsche Gesellschaft keine natĂŒrliche Gemeinschaft, sondern Ergebnis politischer Prozesse. Die Nachkriegsordnung mit ihren starken ErzĂ€hlungen von Wiederaufbau und Wirtschaftsaufschwung erlaubte jedoch eine soziale Sedimentierung und AushĂ€rtung, die einem bestimmten Ausschnitt gesellschaftlicher Entwicklung den Anstrich einer natĂŒrlichen Ordnung gab.

Diese Narrative wurden als nationale Selbstvergewisserung naturalisiert und prĂ€gen die Wahrnehmung „natĂŒrlicher VerhĂ€ltnisse“ in Deutschland noch heute. Sie wirken als „erstarrte Geschichte“ (Adorno) wie eine zweite Natur, die gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse als natĂŒrliche erstarren lĂ€sst. Sichlings Arbeit fragt danach, ob diese Nachkriegsordnung nicht auch neue geschlossene und ausschließende Gemeinschaftsvorstellungen entwickelt hat.

Spannungen zwischen scheinbar naturgegebenen deutschen ZustĂ€nden und einer fließenden gesellschaftlichen VerĂ€nderung halten bis heute an. Die Arbeitsimmigranten, die die Terrazzoböden der deutschen InnenstĂ€dte mitverlegten werden so weiterhin nicht als gleichwertiger Teil deutscher Geschichte und der sich immer wieder erneuernden gesellschaftlichen Textur begriffen.

Sichling setzt Terrazzo, der zu bestimmten Zeitpunkten zur AushĂ€rtung freigegeben wird, als Metapher fĂŒr die diskursiven AushĂ€rtungsprozesse der Nachkriegszeit ein, lĂ€sst in ihm eine Geschichte der Migration als Wasserzeichen sichtbar werden und erlaubt eine Vorstellung anderer, flĂŒssigerer AggregatzustĂ€nde von Gesellschaft.

(Text: Nikolai Brandes)


Installationsansicht | "Fluid" (Eisenzaun, Stoff, C-Print) und "Wasserzeichen" (neun Terrazzoplatten,
Messingintarsien) | Ausstellungsansicht Galerie Ursula Walter: REMEMBERING THE FUTURE | 2017




Installationsansicht | "Fluid" (Eisenzaun, Stoff, C-Print)
Messingintarsien) | Ausstellungsansicht Galerie Ursula Walter: REMEMBERING THE FUTURE | 2017


"Wasserzeichen" (neun Terrazzoplatten, Messingintarsien) | 2017