GELEHRTENSTEINE (1950), (1950), (1970), (1970)

Gelehrtenstein 1 (1950)
2015 | Waschbeton, Nussholz, Messing

Gelehrtenstein 2 (1950)
2015 | Terrazzo, Gummi

Gelehrtenstein 3 (1970)
2015 | Waschbeton, lackiertes Holz

Gelehrtenstein 4 (1970)
2015 | Waschbeton, Mahagoni
Die gezeigten Gelehrtensteine greifen die Form der Suiseki oder Gelehrtensteine auf. Das japanische Wort, zusammengefügt aus Sui (Wasser) und Seki (Stein) steht für Steine, die durch Wind und Wasser geformt werden. Ursprünglich in China, später auch in Japan und Korea, waren diese Steine begehrte Sammelobjekte und dienten der Kontemplation in Gelehrtenstuben. Die Suiseki dürfen nicht nachträglich bearbeitet oder manipuliert sein und werden auf speziell angefertigten Sockeln präsentiert.
Diese Gelehrtensteine sind jedoch aus Terrazzo und Waschbeton gegossen. Beide sind künstliche Materialien, typische Baustoffe der Nachkriegszeit, die, bis in die 1970er Jahre hinein, für den architektonischen Neubeginn der Nachkriegsmoderne stehen. Das Material sollte Natürlichkeit ausstrahlen – oftmals auch im Gegensatz zur monumentalen Formensprache der Bauten, bei denen sie Verwendung fanden. Dem Prinzip der „Gelehrtensteine“ folgend, werden hier Terrazzo und Waschbeton als typische Baumaterialien der deutschen Nachkriegsmoderne förmlich auf einen Sockel gehoben und laden ein zur Kontemplation – über Formprinzipien der Moderne einerseits, aber auch über den gesellschaftlichen Wandel, der sich zeitgleich in Deutschland vollzog.
Ein Phänomen der 1950er und 1960er Jahre war die beginnende Arbeitsmigration nach Deutschland, die den Aufschwung der Nachkriegsjahre ermöglichte und Deutschland grundlegend veränderte. Denn wie die Zusammensetzung und Form von Sichlings Gelehrtensteinen Natürlichkeit nur suggeriert, so ist auch das Deutschland der Nachkriegszeit keine natürliche Größe, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse und soziales Konstrukt. Waschbeton und Terrazzo sind materielle Zeitzeugen eines Landes, welches sich zwar äußerlich das Image eines sauberen, dynamischen und wirtschaftlich erfolgreichen Staates gab, sich aber nicht von einem immanent deutschnationalen Selbstverständnis gelöst hat. Diese deutschen Verhältnisse prägen die Wahrnehmung „natürlicher Verhältnisse“ in Deutschland noch heute. Die resultierenden Spannungen zwischen dem Selbstbild einer homogenen Nation und den davon abweichenden Realitäten scheint weiterhin von außergesellschaftlichen Bedingungen vorgegeben zu sein.
Die Arbeitsimmigranten der 1960er Jahre, die den Waschbeton der deutschen Innenstädte mitanrührten und die kulturell hybride Realität in deutschen Städten der Gegenwart mitprägten, werden so weiterhin nicht als Teil ihrer selbstverständlichen, natürlich gewachsenen Textur begriffen.


Ausstellungsansicht mit Margret Hoppe, Kunsthaus Dresden, 2015/16. Foto: David Brandt


Ausstellungsansicht, Kunsthaus Dresden, 2015/16.