This is not a Pattern


Schaumstoffmatratze, MDF-Platte, Schraubzwingen | 0,25 x 2,00 x 0,90 m | 2009

Dr. Holger Birkholz, 2009 im Katalog fĂĽr "LebenLiebenLeiden - Frauenbilder junger KĂĽnstlerinnen"

Biedermeier Recarmièren oder die wunderbaren Sofaentwürfe von Otto Wagner zur Zeit der Wiener Sezession werden gern von Polsterknöpfen strukturiert. Sie verleihen der Liegefläche halt und geben der Oberfläche eine geometrische Gestalt. Sie lassen das Möbelstück in schlichter Sachlichkeit auftreten und erhöhen zugleich dessen Komfort. Daran mag man sich erinnert fühlen angesichts einer Plastik von Su-Ran Sichling, der ein Titel zur Seite gestellt ist mit der schlichten Behauptung „This is not a Pattern“. Dabei scheint die ornamentale Struktur der Arbeit offensichtlich. Aus der Betrachtung des Werkes und der Titelbehauptung erwächst ein Raum der Unvereinbarkeit, der Irritationen hervorruft und nach anderweitigen Lösungen verlangt.
Sichlings Plastik verbindet verschiedene Materialien, die in ihrer Haptik gegeneinander stehen. Weicher weißer Schaustoff mutet wie Badeschaum an und bekommt dennoch hier in seinem Zuschnitt eine scharf umrissene Kontur. Unterstrichen wird diese Festigkeit durch die MDF-Platte, die ihm als Träger dient. Dem gegenüber erscheinen 29 Schraubzwingen, die ihrem Namen entsprechend den Schaustoff auf die Platte zwingen und dabei mit ihren schwarzen Halterungen im Kontrast Akzente setzen. Es handelt sich um 14 Zwingen am Rand und fünf Dreiergruppen, die sich wie Sterne in die weiche Fläche graben. Auf diese Weise entsteht eine Art schlichtes Muster, das die bestehende Form und Funktion des Werkzeugs nutzt. Ihre blanken Metallschienen werden zu Füßen des Objektes und weisen zugleich wie mit Messerklingen nach außen. Die leuchtend roten Holzgriffe bilden weitere Blickpunkte, die belebend die dominierende Monochromie des Objektes durchbrechen.
Material und Farbigkeit bilden in ihren Gegensätzen eine spannungsvolle Erscheinung, neben der eben die Behauptung steht, es handle sich nicht um ein ‚Pattern’ (Ornament, Muster, Modell …). Wenn die Plastik also nicht rein ästhetisch als formale Struktur betrachtet werden möchte, dann muss man sich nach den damit verbunden inhaltlichen Komponenten fragen. Sofa oder Bett sind beide Orte der Ruhe und der Erholung. Sie werden aber auch erotisch mit weiblicher Verführung assoziiert. Die feministische Kunstwissenschaft hat sich in den letzten dreißig Jahren eingehend kritisch mit der scheinbar unüberwindbaren Vorstellung von der Verfügbarkeit der im Liegen dargestellten Frau für ihren männlichen Betrachter befasst. Die Frau erscheint dabei idealisiert mit warmweicher Haut, ruhend ausgestreckt, scheinbar schlafend, um vom Mann ‚bezwungen’ zu werden, der sich oftmals in der Kunstgeschichte bei Gemälden dieses Themas von hinten anschleicht.
Man fragt sich, ob nicht dies das eigentliche Muster ist, ein gesellschaftliches Muster und dessen Perpetuierung durch öffentliche Bilder unter anderem in Form der Kunstgeschichte. Wenn aber Sichlings Plastik als ‚Pattern’ kein Muster ist, dann ist es vielleicht auch kein Zeichen, sondern eine Inszenierungen von Materialbeschaffenheit, die sich in im Gegensatz von hart und weich körperlich erfahren lässt.