TEXTE ĂśBER DIE KUNST


ARTIST STATEMENT


„Was das Massenornament so lustvoll macht, ist der Grad, bis zu dem es eine alltägliche Arbeitswelt gerade im Akt ihrer Spiegelung und Reproduktion transfiguriert und transzendiert“
Thomas Elsaesser
                    
Ich befrage Oberflächen, Wiederholungen und Schmuck nach ihren kulturellen Kodierungen. Dazu gehört auch die Frage in die Gegenrichtung: wie schreiben sich gesellschaftliche und kulturelle Normen als „abstrakte“ Muster in unsere Umwelt ein? Immer wieder münden meine Gedanken und künstlerische Arbeiten sowohl bewusst als auch unbewusst in dem Thema der kulturellen Identität und im Gefühl von „Dazugehörigkeit“ und dem „Ausgeschlossensein“. Vertikal durch die Kunst- und Kulturgeschichte suche ich nach Objekten und Strömungen, die in ihrer Bedeutung in die Gegenwart hineinstrahlen, und versuche die Aussage in einem weiteren Schritt zu irritieren – wie beispielsweise durch eine unmittelbare Nachbarschaft von scheinbar nicht zueinander passenden Dingen. Am Beispiel der genähten Halskrause und Keramikspritztüllen changiert die Bedeutung des besagten Kleidungsstücks aus dem 16. und 17. Jahrhundert, welches eine Trennung zwischen Körper und Geist verdeutlicht und einer – auf einem Kuchenblech präsentierten Sahnetorte. Abstraktion ist direkt neben der Konkretisierung, gelegentlich Banalisierung platziert. Der handwerkliche Charakter, das Befragen der Grenze zwischen (Kunst-)Handwerk und Kunst, dem funktionalen Gebrauch eines Dings und dem über es hinausweisenden Sinn oder Inhalt mache ich formal zum Thema.
Umwelten sind keine passiven Hüllen sondern aktive Prozesse, die unmittelbar ablaufen. Ihre Grundregeln durchdringen als alles überziehende Muster Strukturen des menschlichen Zusammenlebens. Die tief verwurzelte Gewohnheit, alle Phänomene von einem festen Standpunkt zu betrachten erweist sich als ein großes Hindernis, um neue Lebenswirklichkeiten zu verstehen. Von Künstlern geschaffene und darauf bezogene Welten ermöglichen es, diese Umwelten besser zu begreifen.
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Katalysator Ornament


Gwendolyn Kremer, 2012 im Katalog fĂĽr "Die Passion des Realen"
Bereits in ihrer Diplomarbeit „Museum“ (2010) im Dresdner Ausstellungsraum Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK) befasste sich Su-Ran Sichling (*1978 in Nürnberg) intensiv mit der Frage von Oberflächenstrukturierungen.
Im KIT hat Sichling auf einem in Ultramarinblau gehaltenen Untergrund eine hellrosafarbene Struktur mit einer Musterrolle aufgebracht und darüber ein fortlaufendes florales Reliefband in Keramik gelegt: „Moiré (Kittelschürze)“. Die monumentale Ornamentwand – sie umfasst 16 Quadratmeter – fordert den Besucher dazu auf, sie in einer Nah- und einer Fernsicht zu betrachten. Wer mit einem großen Abstand auf „Moiré“ blickt, wird die hellrosafarbene Struktur der Tapetenrolle und das darüber gelegte Keramikband vermutlich nicht unterscheiden können, der so genannte Moiré-Effekt, das Ineinanderfließen zweier Strukturen, tritt ein. Beim Nähertreten werden das reliefartige, in Keramik gefasste Musterband und die darunter zu sehende, gemalte Tapete als eigenständige Strukturen erkennbar. Durch die gleichmäßig rhythmisierte Abfolge des Wandmusters kommt ihre All-over-Dimension zum Tragen; die Wand aus nächster Nähe betrachtend, wird sie den Besucher ob ihrer schieren Größe umfangen und visuell überwältigen. Hatte Su-Ran Sichling bislang ihre Wandarbeiten häufig mit einzelnen eher kleinteiligen Gegenständen kombiniert, findet in „Moiré“ nun erstmalig eine gleichwertige Behandlung von gestaltetem Hintergrund und Vordergrund statt. Die ornamentalen Strukturen der Muster führen zu einer Radikalisierung und befördern in einem zweiten Schritt den Abstraktionsgrad der Wandarbeit. Darüber hinaus beinhalten ihre Untersuchungen zum Muster per se zugleich die Hinterfragung sozio-gesellschaftlicher Muster und Stereotype, wenn zeithistorische Bezüge über die Struktur eines Musters einer Kittelschürze transportiert werden.
Neben ihren strukturellen Wandarbeiten beschäftigt sich Su-Ran Sichling in ihrer zweiten Arbeit, „Geschichte wird gemacht (nach Ernst Cassirer)“ (2010/12), mit Präsentationsformen von Kultur. Sie nimmt Bezug auf einen Aufsatz des Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) über den ständig sich erneuernden Verdauungsprozess von Kunst und fragt: „Was ist wichtig, was fällt raus?“ Die auf drei Beinen stehende Vitrine wird durch einen hohen Keramik-Schlot in einem dunklen Rot mit einer hellblauen Rauchwolke ergänzt. Eine aus Gaze gefertigte Halskrause, Sinnbild für die Trennung von Körper und Geist, ist darin genau auf der Höhe des Halses der Künstlerin ausgestellt.



Auch Könige lassen sich manchmal hängen


Grit Mocci, 2010 im plusz-magazin der Sächsischen Zeitung
Das „Joch“ bleibt ein Joch, auch wenn sich bunte Girlanden darum winden. Ein „Schwebebalken“ hingegen mit gefälteltem Überzug auf Schraubzwingen-Füßen dürfte seiner eigentlichen Bestimmung nur noch schwer gerecht werden und verführt vielmehr zum Nachdenken über Begriffe wie Haltung und Balance. Die „Vitrine“ scheint nur auf den ersten Blick ein richtiger Schaukasten zu sein: Die Winkel sind verzogen, und an einem Bein wuchert eine hölzerne Form, die etwas von einem Instrumentenkasten hat und auch etwas sehr Weibliches. Dafür ist der „Hocker“ tatsächlich zum Sitzen da, obwohl die buckeligen Kissen bemalt wie Delfter Fliesen und aus Keramik sind. Su-Ran Sichlings Objekte wirken vorderhand recht spielerisch, manchmal balancieren sie bedenklich nah am Rand zum Kitsch. Die Künstlerin mag jenes Quäntchen des Zuviel. Sie mag auch den Kontrast der Materialien, wenn - wie im konkreten Fall - die unverputzte Ziegelwand auf die glatte, metallisch schimmernde Oberfläche barocker Obstreliefs trifft, die wiederum ein streng geordnetes Muster ergeben. Für das Selbstbildnis vor asiatischen Porzellanvasen posiert die Schöpferin der Installation im neonfarbnen Tüllkostüm. Die Dinge dürfen sogar mal komisch sein. „Lieber etwas lieblicher“, meint Su-Ran Sichling. Und besser, die Erkenntnis kommt auf Zehenspitzen als mit dem Holzhammer. Die gebürtige Nürnbergerin empfindet Oberflächen gleichermaßen anziehend wie abstoßend, eine Gradwanderung, die sie dazu inspirierte, ihren abgeformten Keramikobjekten eine irritierende Farbfassung zu verpassen, dass sie wirken wie aus schwarzem Gummi.
Mit ihrem mehrteiligen Diplom „ohne Titel“ untersucht die Studentin der Bildhauerei „Beziehungen von Oberfläche, Wiederholung und Schmuck auf ihre Fähigkeit zu allgemeingültigen Aussagen“. Ornamentik, äußere Form, Mode und vermeintliche Funktionalität werden dabei auf ihre äußerlichen Festschreibungen befragt. Am Ende verweisen sie nicht auf festgelegte Funktionen, sondern darüber hinaus und manchmal auch ins Leere. Am Anfang der Assoziationskette stand eine Halskrause wie man sie im 17. Jahrhundert trug. Su-Ran Sichling gefiel die Ambivalenz zwischen Schmuck, Etikette und Einengung des Körpers an empfindlicher Stelle. Wie viele Teile ihrer Arbeit ist die präsentierte Krause nicht original, aber glaubhaft nachgemacht und damit ein wesentlicher Aspekt der Gesamterscheinung des Diploms. Für die zahlreichen Objekte aus Keramik konnte die 31-Jährige dabei auf ihre Töpferausbildung bauen. Diese handwerkliche Basis wusste sie gut für sich zu nutzen: „Das Material hat mir das künstlerische Arbeiten fast spielend leicht gemacht.“



This is not a Pattern


Dr. Holger Birkholz, 2009 im Katalog fĂĽr "LebenLiebenLeiden - Frauenbilder junger KĂĽnstlerinnen"
Biedermeier Recarmièren oder die wunderbaren Sofaentwürfe von Otto Wagner zur Zeit der Wiener Sezession werden gern von Polsterknöpfen strukturiert. Sie verleihen der Liegefläche halt und geben der Oberfläche eine geometrische Gestalt. Sie lassen das Möbelstück in schlichter Sachlichkeit auftreten und erhöhen zugleich dessen Komfort. Daran mag man sich erinnert fühlen angesichts einer Plastik von Su-Ran Sichling, der ein Titel zur Seite gestellt ist mit der schlichten Behauptung „This is not a Pattern“. Dabei scheint die ornamentale Struktur der Arbeit offensichtlich. Aus der Betrachtung des Werkes und der Titelbehauptung erwächst ein Raum der Unvereinbarkeit, der Irritationen hervorruft und nach anderweitigen Lösungen verlangt.
Sichlings Plastik verbindet verschiedene Materialien, die in ihrer Haptik gegeneinander stehen. Weicher weißer Schaustoff mutet wie Badeschaum an und bekommt dennoch hier in seinem Zuschnitt eine scharf umrissene Kontur. Unterstrichen wird diese Festigkeit durch die MDF-Platte, die ihm als Träger dient. Dem gegenüber erscheinen 29 Schraubzwingen, die ihrem Namen entsprechend den Schaustoff auf die Platte zwingen und dabei mit ihren schwarzen Halterungen im Kontrast Akzente setzen. Es handelt sich um 14 Zwingen am Rand und fünf Dreiergruppen, die sich wie Sterne in die weiche Fläche graben. Auf diese Weise entsteht eine Art schlichtes Muster, das die bestehende Form und Funktion des Werkzeugs nutzt. Ihre blanken Metallschienen werden zu Füßen des Objektes und weisen zugleich wie mit Messerklingen nach außen. Die leuchtend roten Holzgriffe bilden weitere Blickpunkte, die belebend die dominierende Monochromie des Objektes durchbrechen.
Material und Farbigkeit bilden in ihren Gegensätzen eine spannungsvolle Erscheinung, neben der eben die Behauptung steht, es handle sich nicht um ein ‚Pattern’ (Ornament, Muster, Modell …). Wenn die Plastik also nicht rein ästhetisch als formale Struktur betrachtet werden möchte, dann muss man sich nach den damit verbunden inhaltlichen Komponenten fragen. Sofa oder Bett sind beide Orte der Ruhe und der Erholung. Sie werden aber auch erotisch mit weiblicher Verführung assoziiert. Die feministische Kunstwissenschaft hat sich in den letzten dreißig Jahren eingehend kritisch mit der scheinbar unüberwindbaren Vorstellung von der Verfügbarkeit der im Liegen dargestellten Frau für ihren männlichen Betrachter befasst. Die Frau erscheint dabei idealisiert mit warmweicher Haut, ruhend ausgestreckt, scheinbar schlafend, um vom Mann ‚bezwungen’ zu werden, der sich oftmals in der Kunstgeschichte bei Gemälden dieses Themas von hinten anschleicht.
Man fragt sich, ob nicht dies das eigentliche Muster ist, ein gesellschaftliches Muster und dessen Perpetuierung durch öffentliche Bilder unter anderem in Form der Kunstgeschichte. Wenn aber Sichlings Plastik als ‚Pattern’ kein Muster ist, dann ist es vielleicht auch kein Zeichen, sondern eine Inszenierungen von Materialbeschaffenheit, die sich in im Gegensatz von hart und weich körperlich erfahren lässt.



Über die „Hocker“ aus der Installation „Museum“


Link zur Arbeit
Dr. Holger Birkholz, 2015, Ausstellungstext "Vom WĂĽhlen im Dreck"
Auf diesen Hockern, auch wenn sie noch so schön aussehen, kann man sich nicht bequem niederlassen. Die stark aufgewölbten Polster wirken aufgebläht, als würden sie sich dem Betrachter direkt zuwenden. Darin scheinen sie ihn eher davon zu warnen, Platz zu nehmen, anstatt ihn einzuladen. Tatsächlich könnte man darauf sitzen, die Stabilität des Materials lässt das problemlos zu. Die Polster sind aus glasierter Keramik und deshalb zwar nicht weich und angenehm, sondern bucklig hart und abwaschbar, aber dennoch tragfähig. Ihre glänzende Oberfläche ist bemalt mit einem Muster aus Schiffen, das man eher auf Delfter Fliesen erwarten würde als auf einem Polsterbezug. Für die Niederlande des 17. Jahrhunderts sind diese Schiffe Zeichen des Wohlstandes und einer gewissen Weltoffenheit. Heute werden sie, mit einem anderen Geschichtsbewusstsein, als Motive des Kolonialismus und der damit verbundenen Ausbeutung gedeutet. Die Beine der Hocker sind geschwungen, wie man das insbesondere bei Möbeln seit dem Barock liebte. Die Objekte weisen in die Vergangenheit zurück und stellen die Frage nach der Auswahl von Gegenständen der Erinnerungen in Museen. Ihre Sitzflächen durch die Übertragung in ein anderes Medium zu verwandeln, macht sie zu Plastiken und eröffnet einen Raum der kritischen Reflexion dieser Motive. [Die Ausstellung] „Vom Wühlen im Dreck“ bezieht sich hier nicht nur auf die Arbeit mit keramischem Material, sondern auch auf die Auseinandersetzung mit verdrängten historischen Strängen und deren Lesarten, die in den überlieferten Gegenständen aufbewahrt sind und unser kollektives Gedächtnis bestimmen.