Moirée (Kittelschürze)

Glasierte Keramikornamente | 4,60 x 3,80 m | 2012



    


Katalysator Ornament
Gwendolin Kremer, Kunsthistorikerin
Bereits in ihrer Diplomarbeit „Museum“ (2010) im Dresdner Ausstellungsraum Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK) befasste sich Su-Ran Sichling (*1978 in Nürnberg) intensiv mit der Frage von Oberflächenstrukturierungen.
Im KIT hat Sichling auf einem in Ultramarinblau gehaltenen Untergrund eine hellrosafarbene Struktur mit einer Musterrolle aufgebracht und darüber ein fortlaufendes florales Reliefband in Keramik gelegt: „Moiré (Kittelschürze)“. Die monumentale Ornamentwand – sie umfasst 16 Quadratmeter – fordert den Besucher dazu auf, sie in einer Nah- und einer Fernsicht zu betrachten. Wer mit einem großen Abstand auf „Moiré“ blickt, wird die hellrosafarbene Struktur der Tapetenrolle und das darüber gelegte Keramikband vermutlich nicht unterscheiden können, der so genannte Moiré-Effekt, das Ineinanderfließen zweier Strukturen, tritt ein. Beim Nähertreten werden das reliefartige, in Keramik gefasste Musterband und die darunter zu sehende, gemalte Tapete als eigenständige Strukturen erkennbar. Durch die gleichmäßig rhythmisierte Abfolge des Wandmusters kommt ihre All-over-Dimension zum Tragen; die Wand aus nächster Nähe betrachtend, wird sie den Besucher ob ihrer schieren Größe umfangen und visuell überwältigen. Hatte Su-Ran Sichling bislang ihre Wandarbeiten häufig mit einzelnen eher kleinteiligen Gegenständen kombiniert, findet in „Moiré“ nun erstmalig eine gleichwertige Behandlung von gestaltetem Hintergrund und Vordergrund statt. Die ornamentalen Strukturen der Muster führen zu einer Radikalisierung und befördern in einem zweiten Schritt den Abstraktionsgrad der Wandarbeit. Darüber hinaus beinhalten ihre Untersuchungen zum Muster per se zugleich die Hinterfragung sozio-gesellschaftlicher Muster und Stereotype, wenn zeithistorische Bezüge über die Struktur eines Musters einer Kittelschürze transportiert werden.